Mittwoch, 30. September 2009

Mein politisches Bewusstsein in der Wendezeit

Es ist nun fast 20 Jahre her, da sich der eiserne Vorhang in Berlin, die Mauer, geöffnet hat. Viele Menschen in Ost und West und in der übrigen Welt sehen diesen Tag als historischen Moment, als Meilenstein in der deutschen Geschichte. Das ist er! Niemals werde ich den Abend des 09. November vergessen, an dem ich mit einem kleinen Radio in meinem Zimmer saß und die Pressekonferenz von Günther Schabowsky hörte. Ich war gerade 16 Jahre alt, Anfang der 10. Klasse und es gehörte sicherlich nicht zu den alltäglichen Gewohnheiten eines Jungen diesen Alters solche Radiosendungen zu hören. Es begann auch alles etwas früher...

Nachdem ich in die FDJ "gezwungen" wurde, mein politisches Denken, mein Rechts- und Unrechtsbewusstsein erwacht waren, informierte ich mich immer mehr über Themen wie Demokratie, Presse- und Meinungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit usw.. Ich kam mit Schriftstellern, Lehrern, Intellektuellen, Journalisten und anderen frei denkenden Menschen zusammen. Erst in kleinen Gruppen bei irgend jemandem zu hause, später wurden es mehr und wir wichen in Clubräume und Kirchen aus. Anfang 1988 fand ich Kontakt zu Bürgerrechtsbewegungen wie "Demokratie jetzt", "Aufschwung Ost" und "Neues Forum" und bildete eine Art Schnittstelle zwischen diesen Organisationen und ebenfalls mündigen Schülern, die aufgrund ihres Alters nicht aktiv in einer solchen politischen Gruppe sein konnten. Ich ging mit Gleichgesinnten zu Lesungen und Demonstrationen, hielt Mahnwachen und geriet mehr als ein Mal in Kontrollen und Verhaftungen durch die Staatssicherheit. Mein politisches Führungszeugnis war jedoch reiner als mein Bewusstsein und so konnte ich meist nach Überprüfung der Personalien gehen. Vielleicht lag das aber auch an meiner familiären Situation und man wollte den Sohn eines hochrangigen Parteifunktionärs nicht in Misskredit bringen. Nichts genaues weiß man nicht. Gespräche in diese Richtung brachten rein gar nichts - bis heute.

Eine Woche vor dem Fall der Berliner Mauer habe ich im Beisein des Schülerrates meiner Linien- und systemtreuen Schuldirektorin, der Staatsbürgerkunde- und der Geschichtslehrerin die "Vertrauensfrage" gestellt und mir damit einen weiteren öffentlichen Tadel der Schule eingehandelt. Viele Schüler meiner Schule standen hinter mir, teilten meine Meinung und taten sie auf ihre Weise kund. Aber es gab auch die jenigen, die von Staat, Familie und Gesellschaft derart gleichgeschaltet waren, dass sie mich als Verräter und Staatsfeind betrachteten. Beide Gruppen waren für mein weiteres Handeln verantwortlich und ich bin froh, dass es beide Seiten gegeben hat.

In unseren Diskussionsgruppen ging es hauptsächlich um Veränderungen - Veränderungen, die in der DDR nötig waren. Wir nahmen Ideen von Schriftstellern, Bürgerrechtlern, Wirtschaftsexperten, von Bürgern und sogar aus dem "kapitalistischen Ausland" und schmiedeten Pläne, wie man die Gesellschaft verbessern könne. Sowohl im Falle einer Wiedervereinigung, als auch bei bestehender Zweistaatlichkeit Deutschlands. Und dann ging alles ganz schnell... eine Pressekonferenz mit Günther Schabowsky am Abend, ein unüberlegter Satz - Tausende Berliner verliessen ihr warmes Heim und pilgerten zu den Grenzübergängen zwischen Ost und West Berlin.

Was dann folgte ist Geschichte: der Druck der Massen verstärkte sich von Stunde zu Stunde und die Staatsorgane der Grenzsicherheit waren macht- und orientierungslos. Die Pressemeldung aus Rundfunk und Fernsehen war bei ihnen nie in Form eines Befehls angekommen. So herrschte Unsicherheit auf der einen und Freiheitsdrang auf der anderen Seite der Schranke. Kurz vor Mitternacht gaben die Grenzsoldaten schließlich auf und öffneten erst zögerlich, dann vollständig die Grenzanlagen zwischen Ost und West und tausende DDR Bürger strömten gen Westen. Befragungen zeigten, dass niemand an eine permanente Ausreise dachte, viel mehr betonten alle "Ausreisenden" es gehe mehr um einen Besuch und um das Prinzip. So sind eben die Berliner.

Auch ich war einer von ihnen und erlebte diesen Moment der Freiheit am Grenzübergang Invalidenstraße in Berlin Mitte. Wir warteten mehr als zwei Stunden vor den Schranken der Grenze und die Sprechchöre wurden von Stunde zu Stunde lauter. Es kamen immer mehr Berliner zu dem eher kleinen Grenzübergang und niemand wich von der Stelle. Es war als würden alle wissen, dass sich das Warten an diesem kühlen November Abend lohnen würde. Wir waren mit Freunden der Familie verabredet und es war gar nicht so leicht einander in der Menschenmenge zu finden. Glücklicherweise gelang es uns und als die Grenzposten die Schranken und Tore öffneten, wanderten wir gemeinsam "auf Schusters Rappen" in Richtung Gedächtniskirche / Kurfürstendamm. Kein anderer Ort schien uns in diesem Moment wichtiger und ehrenvoller zu sein als dieser. Wir sogen die Luft der Freiheit in vollen Zügen in uns auf und genossen den Fußmarsch durch die Metropole West Berlins. Wir waren keineswegs allein, mit uns ein Strom neugieriger Ostberliner und darunter etliche, ebenso euphorisierte Westberliner. An diesem Tag vermischten sich Ost und West stärker als jemals davor oder danach.

Am Ku'damm waren wir nicht die ersten und es fanden sich recht schnell Zulieferer von westlichen Markenprodukten wie CocaCola, Snickers etc. die ihre Waren direkt von Lkws an die Menschen verteilten. Diese Situation kam mir irgendwie eigenartig vor, kannte ich doch solche Bilder aus der Nachkriegszeit, in der die Alliierten Nahrung nach Deutschland brachten. Es war eine Mischung aus Freude und Mitleid - Freude über die plötzliche Situation, die Öffnung der Grenzen - Mitleid wegen der massiv vorherrschenden Vorurteile gegenüber den Menschen der DDR (nein, wir waren nicht arm, wir hatten genug zu Essen und Süßigkeiten waren auch kein Problem). Irgendwie kurios und doch erhebend. Erst spät in der Nacht kehrten wir nach hause zurück und am nächsten Tag in der Schule gab es kein anderes Thema.

Mein politisches Engagement hörte an diesem Abend jedoch nicht auf. Ich versuchte weiterhin mit vielen anderen nun freien Bürgern eine Gesellschaft zu formen, die als Chance verstanden werden sollte. Wir traten für viele Veränderungen und Neustrukturierungen in der DDR ein, wir hatten grundlegende Dinge entwickelt, um aus der Diktatur eine Demokratie zu machen, eine Basisdemokratie, die der dem Volk genau das Mitspracherecht in der Politik des eigenen Landes eingeräumt wird, was es angeblich 40 Jahre lang gehabt haben soll (Stichwort: Arbeiter- und Bauernstaat, Alle macht dem Volke). Auch der Westen Deutschlands hätte davon profitieren können und sollen.

Stattdessen kam es anders; die teilweise 40 Jahre lang bewährten Produkte der DDR verschwanden quasi "über Nacht" aus den Geschäften im Osten und die Regale wurden mit Waren großer Handelsketten der Bunderepublik gefüllt. Die Menschen in Ostdeutschland begrüßten diesen Schritt, ohne zu ahnen, dass sie damit sich und ihre Kinder auf lange Zeit hin ruinieren würden. Ohne Produktion von Waren sind die dazu gehörigen Firmen auch dem Untergang geweiht., demnach viele arbeitslose Menschen. Auch die Großindustrie der DDR war marode und hätte einer gründlichen und teuren Sanierung bedurft. Da das aber nicht so recht in den Plan der Wirtschaftsbosse aus der Bundesrepublik passte, wurden die Betriebe nicht modernisiert, sondern abgerissen und weitere Arbeiter entlassen. Damit das ganze aber nicht zu sehr nach "Ausverkauf" und "Bereicherung" aussieht, wurden neue Firmen und Betriebe im Osten errichtet - von Westfirmen wohl gemerkt. Diese Firmen erhielten staatliche Unterstützungen in Milliarden Höhe, ein Grund, warum viele Mitmenschen aus den alten Bundesländern über den Osten schimpfen. Hier sei angemerkt; die Gelder sind nicht in den Taschen der ehemaligen DDR Bürger gewandert oder wie manche glauben, in die alten Seilschaften der SED oder Stasi. Die Gelder aus den staatlichen Subventionen, die Steuergelder aus Ost und Westdeutschland, wanderten in die Taschen der Firmenbosse, die in der DDR erst alles platt gemacht und dann in ihrem Sinne wieder aufgebaut haben - zu über 90% Firmen aus den alten Bundesländern.

Die größeren Bürgerrechtsbewegungen hatten den Schritt aus der Illegalität in die öffentliche Politik geschafft und versuchten sich nun gegen die etablierten Parteien zu behaupten. Es gründeten sich neue Parteien und Parteibündnisse und das Macht-Gerangel bekam mehr Mitspieler. Aber damals wie heute wird Politik zwar von Politikern gemacht, aber von der Wirtschaft dirigiert. So sollte es niemanden verwundern, dass sämtliche guten Ideen für eine neue Demokratie im Sande verliefen, geblockt und weg diskutiert wurden. Übrig blieb ein Staatsvertrag und eine Währungsunion und die damit einhergehende lückenlose Angliederung des Ostens an den Westen. Weiterhin erschwerten Rückgabegesetze für Eigentum in Form von Immobilien und Land eine Gesundung des Ostens. Was der Westdeutsche Bürger seit 1994 mit Erstaunen feststellen musste, waren die in Windeseile sanierten Wohnhäuser und Bürogebäude in den neuen Bundeländern. So gut sah keine Westdeutsche Stadt seit 20 oder 30 Jahren mehr aus, da kann man schon mal klagen und meckern, dass das ganze schöne Geld in den Osten gepumpt wird. Was aber wohl die wenigsten wissen dürften ist, dass die Eigentümer dieser Häuser nicht Ostdeutsche Bürger sind, die nun mit Hilfe von staatlicher Unterstützung ihre Häuser sanieren, sondern es sind die nach 1945 enteigneten Westdeutschen, die ihr Hab und Gut zurück bekommen haben und nun ihrerseits ihr Eigentum mit Subventionen sanieren. Danach stiegen natürlich die Mieten, meist höher als es sich die alt ansässigen Bürger hätten leisten können - entweder verschuldeten sie sich oder sie wanderten ab und die Wohnungen bleiben zum großen Teil leer. Toll investiert, denkt da der "Gesamtdeutsche".

Angesichts solcher und ähnlicher Entwicklungen in allen Lebensbereichen habe ich feststellen müssen, dass mein Wissen über das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem der "westlichen Welt" nicht ausreicht. Ich beschloss erst mehr darüber zu lernen und zog mich aus politischen Diskussionen etwas zurück. Ich beendete die Schule, reiste durch Europa, machte mehrere Berufsausbildungen und landete über Umwege schließlich bei meinem angestrebten Job - in den Medien.

Dienstag, 29. September 2009

Als mein politisches Bewusstsein in der DDR erwachte

Ich bin in der DDR geboren und aufgewachsen, genauer gesagt in Ost Berlin. Meine Kindheit und Jugend verliefen, dank sozialistischer Ordnung, wohl behütet. Meine Eltern waren, nach meiner Geburt, Auslandskorrospondeten. Als ein paar Jahre später der Weg in die Politik offen stand, trennten sich ihre Ideale und somit auch ihre Wege. Als Scheidungskind habe ich zu beiden ein sehr gutes Verhältnis, damals wie heute. Und ich hatte die Möglichkeit durch sie die DDR Welt von zwei Seiten zu betrachten und zu leben.

Zum einen mein "Hauptleben" welches auf der Seite der arbeitenden Bevölkerung statt fand, mehr noch, von der Seite der Intellektuellen und Journalisten, die durchaus systemkritisch eingestellt waren. Ich lernte die Missstände des real existierenden Sozialismus nicht nur kennen, ich lebte damit. Zum anderen war ich oft im Jahr "auf der anderen Seite der Macht" in Form von Urlaub, Ferienlager oder einfach nur zu Besuch bei den Führungspersönlichkeiten des Landes, den "Bonzen". Diese Seite der DDR war das absolute Gegenteil von dem Leben des Volkes im Land. Was man normalerweise als Mangelware kannte, gab es dort zur Genüge (nicht im Überfluss, den gab es auch in der Führungsebene der DDR nicht). Während ein Arbeiter, fleißig seit 20 Jahren im selben Betrieb, zwischen 3 und 8 Jahre auf einen Ferienplatz für sich und seine Lieben in einem FDGB Ferienheim wartete, konnten Mitglieder des Politbüros und anderer Staatsorgane Urlaub in abgeschirmten und luxuriösen Anwesen zu jeder Zeit geniessen. Wollte der "normale Bürger" Urlaub machen, auch ohne einen solchen subventionierten FDGB Ferienplatz, so musste er nicht selten tief in die Tasche greifen, um eine vier köpfige Familie zwei Wochen unter zu bringen. Nicht so die Bonzen der DDR, sie machten Urlaub mit allem Komfort, Vollverpflegung rund um die Uhr, Kinderbetreuung und 24 Stunden ärztlicher Bereitschaftsdienst für fast 200 Mark. Ein "Unkostenbeitrag" gemessen an den Summen der normalen Bürger, die ihrerseits einen Bruchteil der Leistungen in Anspruch nehmen konnten. Je älter ich wurde, und je öfter ich die "Seiten" wechselte, desto mehr fiel mir dieser "Unterschied" auf.

Hinzu kam die ideologische Bildungseinrichtung, genannt "Polytechnische Oberschule" mit den systemtreu gefärbten Schulfächern Heimatkunde, Geschichte und Staatsbürgerkunde. In diesen Fächern lernten DDR Kinder und Jugendliche, dass die DDR ein Arbeiter und Bauernstaat sei, das alle Macht vom Volke ausgehe, es Volkseigene Betriebe gäbe, die dem Reichtum unserer Gesellschaft dienen und das die Staatsorgane der DDR zum Wohle der Menschen handeln würden. Meinungs- und Pressefreiheit gäbe es nur in der sozialistischen Welt und der Kapitalismus wäre ein krankes und sterbendes System. Natürlich wussten all meine Lehrer, wie es in meiner Familie aussah, das ich auch die Wahrheit kennen würde - das war schließlich der Sinn der Staatsicherheit (Stasi) solche Dinge heraus zu finden und es war Aufgabe der Lehrer, Änderungen oder Fehlverhalten solcher Schüler zu melden. Sicherlich waren nicht alle Lehrer so dienteifrig und haben jede kleine Veränderung eines Kindes an irgendwen weiter geleitet, aber Lehrer in den oben genannten Fächern hatten andere Auflagen und waren speziell eingesetzt. Ein Lehrer ohne Parteizugehörigkeit (SED) hatte keine Chance eine Schulklasse in Geschichte oder Staatsbürgerkunde zu unterrichten. Immer öfter geriet ich mit speziellen Lehrern verbal aneinander und die Diskussionen endeten nicht selten vor der Direktorin oder wurden bei einem Elternabend zum Thema gemacht.

1987 war die offizielle Kindheit vorbei und ich sollte kollektiv mit der gesamten Klasse in die Freie Deutsche Jugend (FDJ) aufgenommen werden. Dies war die Nachfolge Organisation der Pioniere und die Vorschule für die Partei. Nicht das jeder aus der FDJ direkt in die Partei gegangen ist, aber es wurde anhand der Auswertung des Engagements getestet, wie systemtreu ein Jugendlicher war und ob es sich um einen potentiellen Kandidaten für die Partei handelt. Ich hatte mich mit ein paar Mitschülern meiner Klasse entschlossen dem System ein wenig entgegen zu treten und anstatt den vorbestimmen Weg in die FDJ zu gehen, wollten wir zur "Freidenkerjugend". Wir blieben dem kollektiven, feierlichen Gelöbnis der FDJ fern und wurden Tags darauf vor der versammelten Schule dafür mit einem Tadel gestraft. Der Druck der Schul- und FDJ Leitung stieg von diesem Tag stetig an und auch der "staatlich verordnete" familiäre Druck verstärkte sich. Nach zwei Wochen gab ich widerwillig auf und trat verspätet der FDJ bei.

Ich hatte verloren, so dachte ich erst. Zum ersten Mal war ich direkt betroffen und in meiner Meinungsfreiheit eingeschränkt worden. Doch nach und nach dämmerte es mir und irgendwann war mir klar - ich hatte zwar dem Druck nach gegeben, aber etwas anderes war in mir erwacht: Mein politisches Bewusstsein.