Dienstag, 29. September 2009

Als mein politisches Bewusstsein in der DDR erwachte

Ich bin in der DDR geboren und aufgewachsen, genauer gesagt in Ost Berlin. Meine Kindheit und Jugend verliefen, dank sozialistischer Ordnung, wohl behütet. Meine Eltern waren, nach meiner Geburt, Auslandskorrospondeten. Als ein paar Jahre später der Weg in die Politik offen stand, trennten sich ihre Ideale und somit auch ihre Wege. Als Scheidungskind habe ich zu beiden ein sehr gutes Verhältnis, damals wie heute. Und ich hatte die Möglichkeit durch sie die DDR Welt von zwei Seiten zu betrachten und zu leben.

Zum einen mein "Hauptleben" welches auf der Seite der arbeitenden Bevölkerung statt fand, mehr noch, von der Seite der Intellektuellen und Journalisten, die durchaus systemkritisch eingestellt waren. Ich lernte die Missstände des real existierenden Sozialismus nicht nur kennen, ich lebte damit. Zum anderen war ich oft im Jahr "auf der anderen Seite der Macht" in Form von Urlaub, Ferienlager oder einfach nur zu Besuch bei den Führungspersönlichkeiten des Landes, den "Bonzen". Diese Seite der DDR war das absolute Gegenteil von dem Leben des Volkes im Land. Was man normalerweise als Mangelware kannte, gab es dort zur Genüge (nicht im Überfluss, den gab es auch in der Führungsebene der DDR nicht). Während ein Arbeiter, fleißig seit 20 Jahren im selben Betrieb, zwischen 3 und 8 Jahre auf einen Ferienplatz für sich und seine Lieben in einem FDGB Ferienheim wartete, konnten Mitglieder des Politbüros und anderer Staatsorgane Urlaub in abgeschirmten und luxuriösen Anwesen zu jeder Zeit geniessen. Wollte der "normale Bürger" Urlaub machen, auch ohne einen solchen subventionierten FDGB Ferienplatz, so musste er nicht selten tief in die Tasche greifen, um eine vier köpfige Familie zwei Wochen unter zu bringen. Nicht so die Bonzen der DDR, sie machten Urlaub mit allem Komfort, Vollverpflegung rund um die Uhr, Kinderbetreuung und 24 Stunden ärztlicher Bereitschaftsdienst für fast 200 Mark. Ein "Unkostenbeitrag" gemessen an den Summen der normalen Bürger, die ihrerseits einen Bruchteil der Leistungen in Anspruch nehmen konnten. Je älter ich wurde, und je öfter ich die "Seiten" wechselte, desto mehr fiel mir dieser "Unterschied" auf.

Hinzu kam die ideologische Bildungseinrichtung, genannt "Polytechnische Oberschule" mit den systemtreu gefärbten Schulfächern Heimatkunde, Geschichte und Staatsbürgerkunde. In diesen Fächern lernten DDR Kinder und Jugendliche, dass die DDR ein Arbeiter und Bauernstaat sei, das alle Macht vom Volke ausgehe, es Volkseigene Betriebe gäbe, die dem Reichtum unserer Gesellschaft dienen und das die Staatsorgane der DDR zum Wohle der Menschen handeln würden. Meinungs- und Pressefreiheit gäbe es nur in der sozialistischen Welt und der Kapitalismus wäre ein krankes und sterbendes System. Natürlich wussten all meine Lehrer, wie es in meiner Familie aussah, das ich auch die Wahrheit kennen würde - das war schließlich der Sinn der Staatsicherheit (Stasi) solche Dinge heraus zu finden und es war Aufgabe der Lehrer, Änderungen oder Fehlverhalten solcher Schüler zu melden. Sicherlich waren nicht alle Lehrer so dienteifrig und haben jede kleine Veränderung eines Kindes an irgendwen weiter geleitet, aber Lehrer in den oben genannten Fächern hatten andere Auflagen und waren speziell eingesetzt. Ein Lehrer ohne Parteizugehörigkeit (SED) hatte keine Chance eine Schulklasse in Geschichte oder Staatsbürgerkunde zu unterrichten. Immer öfter geriet ich mit speziellen Lehrern verbal aneinander und die Diskussionen endeten nicht selten vor der Direktorin oder wurden bei einem Elternabend zum Thema gemacht.

1987 war die offizielle Kindheit vorbei und ich sollte kollektiv mit der gesamten Klasse in die Freie Deutsche Jugend (FDJ) aufgenommen werden. Dies war die Nachfolge Organisation der Pioniere und die Vorschule für die Partei. Nicht das jeder aus der FDJ direkt in die Partei gegangen ist, aber es wurde anhand der Auswertung des Engagements getestet, wie systemtreu ein Jugendlicher war und ob es sich um einen potentiellen Kandidaten für die Partei handelt. Ich hatte mich mit ein paar Mitschülern meiner Klasse entschlossen dem System ein wenig entgegen zu treten und anstatt den vorbestimmen Weg in die FDJ zu gehen, wollten wir zur "Freidenkerjugend". Wir blieben dem kollektiven, feierlichen Gelöbnis der FDJ fern und wurden Tags darauf vor der versammelten Schule dafür mit einem Tadel gestraft. Der Druck der Schul- und FDJ Leitung stieg von diesem Tag stetig an und auch der "staatlich verordnete" familiäre Druck verstärkte sich. Nach zwei Wochen gab ich widerwillig auf und trat verspätet der FDJ bei.

Ich hatte verloren, so dachte ich erst. Zum ersten Mal war ich direkt betroffen und in meiner Meinungsfreiheit eingeschränkt worden. Doch nach und nach dämmerte es mir und irgendwann war mir klar - ich hatte zwar dem Druck nach gegeben, aber etwas anderes war in mir erwacht: Mein politisches Bewusstsein.

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